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Pullman City News

Edition 23 * Oktober 2012                                                                                                                                                       No 4 2012

 

 

 

WILD UND STARK 

Von Null auf Hundert

 

 

Eigentlich kommt Mathias Wild alias „Mathew High Mountain“  immer ganz ruhig und vernünftig rüber. Doch insgeheim ist er ziemlich verrückt -  im positiven Sinne. Das geht schon mit der verwegenen Geschichte los, wie er überhaupt Authentiker wurde. Ursprünglich kommen er und seine Partnerin Susanne Stark  nämlich aus der US-Car- und Trikerszene. Pullman City kannten die beiden Schweizer ab dem Jahr 2001 erst nur vom Gigantentreffen. Doch 2003 wollte Mathias mit seinem Freund Roli die Westernstadt mal im Sommer ohne Party erleben. „Wie es der Zufall wollte, parkte ich meinen Chevy-Van auf dem Pullman-Camping-Platz direkt neben Big Didi, der schon seit vielen Jahren Trapper in Pullman war,“ erzählt Mathias. Didi zeigte den Bikern den Authentikbereich, und da war es um sie geschehen. In einer Spontan-Aktion gingen sie zu Pullman-Manager Deddy, um ihn davon zu überzeugen, dass sie echte Authentiker seien und schnellstmöglich hier eine Hütte bauen müssten. „Didi hat und geraten, uns als Trapper auszugeben, weil das am einfachsten sei. Deddy war zwar misstrauisch, weil wir kein Outfit hatten, aber das erklärten wir damit, dass wir mit Chevy und Bikes auf Durchreise waren“, erzählt Mathias.

Deddy hat’s geschluckt. Überhaupt was es eh nur eine Frage der Zeit: Roli und Mathias fuhren von Pullman City direkt zu einem Hobby-Ausrüster, kauften für viel Geld 14 Hirschlederhäute samt Schnittmuster, Funktionierten Mathias? Wohnzimmer in eine Werkstatt um. Sieben Wochen hatten sie Zeit, um bis zum Herbstrendevous die passende Kleidung zu nähen. Sieben Wochen, um glaubwürdige Trapper zu werden. „Das erste Outfit war so ein typisches Old Shatterhand-Kostüm. Das haben wir dann erst nach und nach optimiert“, erzählt Mathias, der im Appenzeller Land in einer Polytechnikfirma Leiter der Zuschneiderei ist. Zu Gute kommt ihm seine Berufsausbildung im Sattlerhandwerk. „Ich kann besser mit Nadel und Faden umgehen als die meisten Frauen, Leder ist mein Ding“, sagt Mathias, „das Schöne am Hobby ist, dass man sich etwas selber machen kann“.  Diese Leidenschaft lebt er in Pullman City auch als Schmied. Woher er schmieden kann? Von seinem Vater. „Der war Schmied von Beruf. Oft musste ich ihm helfen, während meine Freunde auf dem Fußballplatz waren. Ich hab’s verflucht damals. Heute bin ich froh darum. Und mein Vater lacht sich wohl ins Fäustchen“. Vom Vater, der John Wayne-Fan ist, hat Mathias wohl auch das Western-Gen geerbt. Später wurde sein Vater Turnierrichter bei der Swiss-Western-Riding-Association, wo Mathias zum ersten Mal Menschen mit Cowboyhüten sah. Country Musik und Rockabilly taten ihr Übriges, um das Amerika-Fieber des Mathias Wild zu befeuern. Und natürlich die Autos. Mit 20  kaufte er sich seinen ersten Ami: Einen Camaro LT Jahrgang 74.

Die Fahrzeuge wechselten, die Leidenschaft blieb, auch wenn sie mittlerweile in die zweite Reihe rückte. Denn mit der Zeit wurde das Leben als historischer Darsteller immer wichtiger. Zumal man jetzt eine Hütte in Pullman City hatte. „Die haben wir gleich im Winter 2003/04 gebaut. Mit Flutlicht und Stromaggregat, bei Minusgraden. Was sind denn das für welche, haben sich die Nachbarn gedacht. Innerhalb eines Jahres wurde ich Authentiker. Von 0 auf 100“, sagt Mathias. Sein Freund Roli war nicht ganz so überzeugt und stieg wieder aus. Dafür fing Mathias Partnerin Susanne an, am Wochenende mit nach Pullman zu kommen.

 

AUS MATHIAS WURDE

„MATHEW HIGHT MOUNTAIN“ 

 

Die beiden ließen sich von Büchern, Chris (Moondog) und Rudy Mayer ins 18. Jahrhundert einweihen. Aus Mathias wurde  „Mathew High Mountain“, von Beruf Clerk, als Buchhalter einer großen Pelzhandelsgesellschaft. Das sichert ihm ein gehobenes Einkommen, was sich auch auf die Kleidung auswirkt. Blöd nur für Susanne: Als Rockerin stand sie mit Röcken zunächst auf Kriegsfuß, doch eines Tages überraschte sie Mathias mit einem Ballkleid. Sowohl mit Rockerkluft als auch mit authentischer Kleidung stellen sie und Mathias sich auch auf der gemeinsamen Homepage www.wildundstark.ch vor.  Mathias hat sie selbst gebaut und ist auf der Pullman City-Website auch für den Inhalt des virtuellen Authentikbereichs verantwortlich. Im echten Authentikbereich pflegt er seine Handwerkskunst als Schmied und Sattler auch als wohlhabender Clerk weiter.

Zusammen mit Richard Bals organisiert er zudem den Trapperlauf und das Winterlager. „Ich bin zwar kein Bürgermeister, rede aber immer gern rein“, bekennt Mathias, der natürlich auch beim lebenden Gruselpfad zum Halloween-Special mit von der Partie ist. „ Ich bin eigentlich kein Fan davon, aber wenn ich mitmache, dann lass ich mir für meine Station auch was Durchgeknalltes einfallen“. Da verkokelt er zum Beispiel als Höllenschmied seine Opfer bei lebendigem Leibe.

Susanne ist schon seit zwei Jahren nicht mehr in Pullman gewesen. Sie bleibt derzeit zu Hause, um ihre Mutter zu pflegen und sich um den großen Garten mit Blick auf den Bodensee zu kümmern. „Lustiger weise reden Mathias und ich aber mehr miteinander, wenn er fährt“, sagt sie, und er fügt hinzu, „ wir telefonieren morgens und abends, erzählen uns, was bei jedem los ist. Manchmal zehn Minuten, manchmal eine halbe Stunde.“

Wild und Stark, die zwei passen zusammen. Gut für Pullman, dass wir sie haben. Und gut für sie, dass sie Pullman haben. Wie die beiden Schweizer damals auf das niederbayerische Giganten-Treffen gekommen sind? Nun ja, Susannes Mutter kaufte sich mit 65 keine Nähmaschine, wie andere Damen in ihrem Alter. Sie kaufte sich ein Trike. Damit kam sie irgendwann mal in Pullman vorbei – und steckte Susanne mit dem neuen Hobby an, einschließlich einem Trike. Und sie war es auch, die Susanne und Mathias aufforderte, mal nach Pullman zum Giganten-Treffen zu kommen.